Stolpersteine

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Schüler der Gesamtschule reinigten die Stolpersteine und trafen sich am 9.11.17 an dieser Stelle zu einer Gedenkveranstaltung; Foto: Immig
Zum Jahrestag des Pogroms vom 9.11.1938 gab es im Garten des jüdischen Museums eine Gedenkveranstaltung mit einer Rede des Museumsleiters Norbert Reichling. Bemerkenswert war, wieviele Wulfener daran teilnahmen: Die gesamte Geschichtsgruppe des Heimatvereins, Frauen für den Frieden und die Politiker Stockhoff, Kolloczek, Schwane und Zachraj.
Eine Rose für die Familie Lebenstein am 10.11.2013 (und gereinigt)
Fotos von der Verlegung am Kirchplatz, 11.10.2007
Das Wohnhaus der Familie Lebenstein
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Am Mikrophon: Rolf Abrahamson aus Marl, Holocaust-Überlebender
Bläsergruppe der Gesamtschule
Der Künstler Gunter Demnig
Herrmann Lebenstein, gefallen im 1. Weltkrieg, Detail der Tafel am Ehrenmal

Die Geschichte der Familie Lebenstein in Wulfen

Die jüdische Familie Lebenstein war eine angesehene und in das Dorfleben fest integrierte Wulfener Familie. Im Jahre 1894 kaufte Alexander Lebenstein, gebürtig aus Lembeck, dieses Haus auf dem Kirchplatz. Alexander Lebenstein war verheiratet mit Amalie Lebenstein geb. Kirschweil. Aus dieser Ehe gingen 4 Kinder hervor: Josef, Hermann, Johanna und Marcus.

Der älteste Sohn Josef übernahm dieses Haus und und den Beruf des Vaters. Er war Viehhändler, er kaufte und verkaufte Vieh im ganzen Westmünsterland bis hin zur holländischen Grenze.

Josef und sein Bruder Hermann waren Soldaten im 1. Weltkrieg. Als jüdische Mitbürger zogen sie in den Krieg und kämpften für Deutschland. Hermann ist am 25.Sept. 1915 gefallen. Sein Name steht auf der Gedenktafel am Wulfener Ehrenmal für die gefallenen Soldaten.

Josef Lebenstein war verheiratet mit Paula Friedmann. Das Ehepaar bekam 2 Kinder. Im Juli 1923 wurde die Tochter Herta geboren, im September 1928 Sohn Günter.

Josef Lebenstein war Mitglied im Allgemeinen Bürgerschützenverein in Wulfen und sogar im Vorstand des Vereins. Auch in der Freiwilligen Feuerwehr war Josef Lebenstein aktives Mitglied. Über 20 Jahre, von 1913 bis 1933, war er der Schriftführer der Wulfener Feuerwehr. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung musste er sein Amt abgeben.

Paula Lebenstein versorgte den Haushalt, zu dem neben Ehemann und den Kindern auch Josefs Eltern, Alexander und Amalie gehörten. Der Großvater starb im Jahr 1934, die Großmutter 1936. Beide sind auf dem Wulfener Judenfriedhof „Auf der Koppel“ beigesetzt.

Die Kinder Herta und Günter besuchten die Wulfener St. Matthäus-Volksschule. Herta ging 1936 zum Ursulinen-Gymnasium nach Dorsten. Die heute noch lebenden Mitschüler und Mitschülerinnen berichten, dass Günter ein guter und beliebter Mitschüler gewesen ist. In den Ferien musste Günter oft seinem Vater helfen. Die Viehtransporte im Münsterland wurden zu Fuß erledigt und des Nachts wurden die Kühe hier im Hinterhof einquartiert.

Abends saßen die Dorfnachbarn oft zusammen und tranken ein Schnäpsken. Unmittelbar links und rechts von diesem Haus standen bis zur Bombardierung im März 1945 weitere Häuser. Die Kinder spielten des Abends zusammen und alle Dorfkinder waren bei den Lebensteins stets willkommen.

Mit Beginn der NS-Herrschaft ab 1933 lebten die Lebensteins zurückgezogener und ängstlicher.

Einen radikalen Einschnitt in das Familienleben brachte der 9.November 1938. Am 14. November 1938 wurde Günter der weitere Schulbesuch verboten.

Nach der Reichspogromnacht wurden die Lebensteins aufgefordert, Deutschland kurzfristig zu verlassen. Das Haus wurde verkauft und am 22. Dezember 1938 emigrierte die Familie nach Amsterdam. Dorthin war schon 1936 die Schwester von Josef, Johanna Lebenstein, emigriert und arbeitete dort als Haushälterin. Die Familie Lebenstein wohnte am Waterlooplein 21 und wähnte sich dort in Sicherheit. In Amsterdam heiratete die Tochter Herta Werner Münzer.

Mit dem deutschen Überfall und die Besetzung der Niederlande befand sich die Familie Lebenstein seit Mai 1940 wieder unter der deutschen Gewaltherrschaft. Am 9. Juli 1943 wurde die Familie Lebenstein in das Lager Westerbork in Nordholland gebracht. Westerbork war das zentrale Internierungs- und Sammellager für alle Juden in den Niederlanden. Hier wohnte die Familie in der Baracke Nr. 62. Im Lager gebar Herta am 3. Dezember 1943 ein Kind, den Sohn Peter Münzer.


Am 14. September 1943 wurde die Familie von Westerbork nach Theresienstadt in der besetzten Tschechoslowakei deportiert. 1 Jahr waren die Lebensteins im KZ Theresienstadt inhaftiert. Herta Lebenstein-Münzer, ihr Mann und das Kind wurden am 8. Oktober 1944 in das Vernichtungslager Auschwitz gebracht. Schon bei der Ankunft in Auschwitz wurde Herta Lebenstein-Münzer und ihr erst 10 Monate alter Sohn Peter in die Gaskammer geschickt. Hertas Mann, Werner Münzer, überlebte das Lager und wanderte 1947 nach Südamerika aus. Von seinem weiteren Lebensweg ist nichts bekannt.

Josef Lebenstein und seine Frau Paula wurden am 28 Oktober 1944 mit einem Transport von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Dort wurden beide am Tage der Ankunft, am 30 Oktober 1944, durch Gas ermordet.

Günter Lebenstein wurde am 28. September 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert. Sein Schicksal dort ist unbekannt. Weil er nicht zurückgekommen ist, muss davon ausgegangen werden, dass er zwischen Oktober 1944 und Februar 1945 ums Leben gekommen ist.

Josef Lebenstein wurde 58 Jahre alt.
Paula Lebenstein wurde genau 50 Jahre alt.
Herta Lebenstein wurde 21 Jahre alt.
Günter Lebenstein wurde nur 16 Jahre alt.
Der Sohn von Herta, der kleine Peter Münzer, wurde nur 10 Monate alt.

Wir wollen ihrer gedenken !

Gesamtschule Wulfen, Klasse 10.5, Klassenlehrer Reinhard Schwingenheuer

Quellen

  • Forschungsgruppe „Dorsten unterm Hakenkreuz“: Juden in Dorsten und in der Herrlichkeit Lembeck , Dorsten 1989
  • Herinnerungscentrum Kamp Westerbork: www.kampwesterbork.nl
  • Gemeentearchief Amsterdam, Postbus 51140, 1007 EC Amsterdam
  • Oorlogsgravenstichting, Postbus 85981, 2508 CR Den Haag – www.ogs.nl
  • www.joodsmonument.nl
  • www.yadvashem.org

2013: 7.Klässler des Ursula-Gymnasiums haben zum 9.11. alle 38 im Stadtgebiet Dorstens verlegten Stolpersteine geputzt und an jedem Ort eine Rose hingelegt.

Literatur

Ganzseitiger Bericht über die Familie Lebenstein in der WAZ von Ralph Wilms am 29.9.07 mit dem Titel "Was haben wir getan?"

Siehe auch

Weblinks